Der Mythos des Ikarus ist über zweitausend Jahre alt, immer wieder quer durch die Jahrhunderte beziehen sich Künstler:innen auf ihn, er erzählt vom Dilemma des Menschen, dem es gelingt, dank seines Erfindungsreichtums Grenzen zu überwinden, der letztlich aber für seinen Hochmut bestraft wird. Der Mythos ist als Warnung zu lesen, die immer noch aktuell ist, obwohl wir heute nicht nur unbeschadet über Meere fliegen, sondern bereits viele andere Grenzen überwunden-, vieles erreicht haben, was man sich vor zweitausend Jahren nicht einmal hätte vorstellen können - in der Technik, den Naturwissenschaften, von der Medizin bis zur Kriegsführung. Wir genießen den Segen des Fortschritts, doch in den Jubel der Begeisterung mischen sich immer warnende Untertöne. Wie Dädalus, der Erfinder, zwar um die Gefahr wusste und seinen Sohn warnte, abhalten konnte er ihn nicht. Die Kontrolle über seine Erfindung war ihm entglitten. „Was passiert mit den Atomwaffen in den Händen Größenwahnsinniger?“ ist nur eine von vielen beunruhigenden Fragen. Wir können nur hoffen.
Die Arbeit von Georg Erlacher beginnt nicht beim Mythos, sondern bei der Beobachtung der Natur. Nach den Makroaufnahmen von Bienenkörpern, von Samen und anderen Pflanzenteilen liegt mit „Ikarus“ eine weitere Serie von Makroaufnahmen vor. Das Fotografieren ist eine Art Versenkung, aus der Georg Erlacher kunstvolle Gebilde mitbringt und uns eine zauberhafte Welt hinter unscheinbaren Objekten zeigt. Wie in der Landschaftsfotografie von ihm vielfach praktiziert werden auch die Objekte gegen das Licht fotografiert. Das Licht schafft starke Kontraste, wodurch vieles verschwimmt und verschwindet. Die Bilder sollen sich öffnen für Assoziationen. Auch Ikarus ist eine Assoziation - der Insektenflügel, die Rabenfedern scheinen sie nahezulegen, aber mehr ist es die Bewunderung für diese kunstvollen ausgeklügelten Gebilde, hinter denen kein menschlicher Genius steht. Insofern sind die Fotografien auch ein Ausdruck von Demut. Nicht die Angst vor der Strafe der Götter, vor der Rache der Natur soll uns dazu bringen dem Reiz des Übermut zu widerstehen, sondern die Anerkennung der Größe dessen, was uns umgibt.